Berliner Fenster

Gedichte von Tom Bresemann

Foto: Adrian Liebau, Lettrétage 2011

Foto: Adrian Liebau, Lettrétage 2011

OUTTAKES

Manche Texte sind am strengen Lektorat abgeprallt. Wie gut, dass es das Internet gibt! Unter der Rubrik “OUTTAKES” kann man einige der Texte nachlesen und kommentieren.

Fragen könnte man: Welches Gedicht hätte es besser doch ins Buch, welches besser doch nicht ins Netz geschafft?

Ab 1.10. gehts los!

WIDERTEXT

Keine feuilletonistische Trockenübung, keine diskursiven Schwimmhilfen – in dieser Rubrik wird frei hineingetaucht - d.i. zurückgetextet!
Getreu nach dem Motto: „Wenn schon bitchen, dann in Gedichten“ widertexten andere AutorInnen Gedichte aus dem Berliner Fenster.
Zusendungen an [email protected] willkommen!

Ab 1.10. gehts los, im wöchentlichen Turnus - 1 WIDERTEXT!

WIDERTEXTNEWS Sommer 012

Ha! Die ersten Widertexte lieber Kollegen wie des Stallbaumers und des Amessens seine haben den Weg auf´s Druckprodukt gefunden.
In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift WORTWUCHS kann man sich diese und vieles andere geben. Anempfohlen.

Berliner Fenster: wenn

Maxim Gorki Theater Berlin / “Hardcover Studio” / 5. Februar 2011

Aufnahme: The Jinatic

RICHARD DURAJ zu “die gegend” (Berliner Fenster)

RICHARD DURAJ zu “die gegend” (Berliner Fenster)

unverhohlene Gesprächsangebote

 ”Richtig erkannt haben wir uns erst, wenn wir erkennen, wie konstruiert wir sind.”

Dieser Satz Walter Höllerers interessiert mich vor allem in Bezug auf die Gedichte des vorliegenden Buchs. Das Potential der Durchdringung, welches ich in der Aussage zu erkennen glaube. Die Einladung, Augen und Ohren Offenzuhalten, im Hintergrundrauschen des All- und Festtäglichen.


Ich versuche in den Gedichten des Buchs diesem Potential Rechnung zu tragen. In der einzigen Art und Weise, die mir angemessen scheint: auf Augenhöhe. Alltagsrede auf einer Ebene mit gebundenem Ton, gesellschaftlich akzeptierte und beförderte Verhaltens- und Denkweisen mit dem politisch Unkorrekten. Augenhöhe auch zwischen dem, was “ich” ähnlich, und dem, was “ich” ausmacht, zwischen Zuspitzung und Entzerrung, Erkennen und Abbilden.

 

So stellen sich Situationen des offenen Ausgangs ein. Gedichte also, unverhohlene Gesprächsangebote - das Offensichtliche.

 

[…]

Ich will die Leser der Gedichte dieses Buchs genauso ernst wie die Sprecher in ihnen nehmen. Mich interessieren Momente, die punktgenau umschlagen bzw. im Idealfall ermöglichen, dass etwas wirkt und gleichzeitig erkennbar wird. Vielleicht so etwas wie die gute alte Empfindsamkeit. Vielleicht so etwas wie eine Neue Gegenwartsamkeit.

[…]

Wenn ein Stil, eine Pflicht existiert, der ein Autor oder eine Autorin eines Gedichtbuchs heute gerecht zu werden habe, dann jener, Mut zu zeigen und sich nicht in der Selbstverwaltung seines Talents zu gefallen. Ich weiß nicht, ob ein Gedicht Arsch in der Hose haben kann. Ich wünsche es mir.  

Berliner Fenster 

 

Lesung wort:injektion in Bremen, 12.5.2012

mit Anja Kümmel und Arthur Becker

Fotos: (c) Victor Ströver, nordsign, Bremen  

WIDERTEXT: Ron Winkler

Ron Winkler: verfremdung auf drei Gedichte (aus dem “Berliner Fenster”) u.a. “im blockstaatenwind”

du lagst frei
rhythmisch im atem
löschzug
ein letzter abzweig musik
in segensrichtung
entkernt und auf druck
der schönen wesen
bis zum empfang
der geballten darwinwinsituation
abgöttisch
beleuchtet

Die aktuelle Ausgabe der randnummer mit bisher unveröffentlichten Gedichten Walter Höllerers! 

Die aktuelle Ausgabe der randnummer mit bisher unveröffentlichten Gedichten Walter Höllerers! 

FOTO: Lisa Borries, 2010

FOTO: Lisa Borries, 2010

WIDERTEXT: Georg Leß

 Grand Guignol Genesis*     

 

 die Brotberufe ließ er Vegetariern

sein Stück auzuschlachten, darunter zu saugen                                             

die Bretter zu schichten, die Haut zu entlauben               

ernährt ihn

kein Fingerabdruck blieb zurück, denn er trug

seine Handpuppen, grub in die wärmere Richtung

 

er glaubte, im Wald zu verstehen, der

wehrt ihm, hart ausgeleuchtet vom Freilicht                 

der Blick auf geschächtete Waren entleert ihn     

verbiestert zurück in die Städte zu fahren                                           

                                                                                                                 

sich wieder frisch geliefert, Schinderwerk                  

den Greifern entgegen, vom Land in den Mund                              

ein Abgrund, der sich in die Aussicht stiehlt

ein splitternackter Mantelschwung

ein Vogel wirft ein Licht indem er weiterfliegt

                                                                                                           

Stücke zu geben

und zu geben, was anderen Hören                        

und Sehen bedeutete ihm eine Schnittstelle, Rötung

im Publikum, Beilfall, Baum-, Zaun- und Laubfall, Rein-     

 

geschlagene Hand vor die Augen, die Blätter zu pressen

zum Schwarzbild, Gedächtnis, doch schaulustig

hob sich dahinter ein Lid, empfing finger-

gefilterte Reize

                               

Zensur schärft den Blick, oben ent-

lauben, unten be-

haupten:                                                                           

die Liebe schielt dir auf die Finger, Leser, spreize                                  

 

 

 

 Georg Leß

* Dieses Gedicht wurde durch die Tatsache angestoßen, dass eine vormals veröffentlichte Fassung von Tom Bresemanns (aus BERLINER FENSTER) entsaftung den Filmtitel Bloodsucking Freaks (1976) enthielt.<—>

Seine Gedichte sind Skalpelle, die das Überflüssige wegschneiden und schließlich ein Bild der nackten Stadt übriglassen.
— Alejandra del Rio, im Nachwort zu: In den Kellern Neuköllns / En los sotanos de Neukoelln (zweisprachige Gedichtauswahl) Berlin, 2010
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